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Ladies & Gentlemen statt Damen & Herren

In Österreich gibt es zwei Hickory-Golf-Vereine, denen in Summe 33 Mitglieder angehören. Gespielt wird ausschließlich mit Schlägern, die von Hand vor 1935 gefertigt wurden, die Kleidung hat dieser Zeit angepasst zu sein.

Giunto Schalkenberg sieht aus wie ein Land-Adeliger, vermutlich auch und vor allem, weil er einer ist. Der 64-Jährige verdingt sich als Künstler, er kreiert „Art and no Design“ und so nebenbei steht er Hickory Golf Burgenland als Präsident vor. Stolze 13 ordentliche Mitglieder zählt der kleinste Club in Österreich, der zweite, jener in Bad Ischl, hat 20. Mehr gibt’s nicht.

Gespielt wird nach strengen Dresscode-Richtlinien

In Bad Tatzmannsdorf
Hickory Golf bezeichnet die traditionelle Variante des klassischen Golfsports, die mit Schlägern aus dem Holz des Hickory-Baums gespielt wird. Diese nordamerikanische und chinesische Nussbaum-Art lieferte das harte, aber elastische Holz für die Schäfte der Schläger, die bis zur Legalisierung der Stahlschäfte 1929 beim Golfspiel Standard waren. Seit 2016 heißt es im Reiters Golf & Country Club Bad Tatzmannsdorf „Back to the Roots!“, jeden Dienstag gehen die Burgenländer auf die Runde – Und halten dabei an der Tradition fest, ausschließlich Schläger aus der Zeit vor 1935 zu verwenden.

Dresscode
Für die Hickory-Golfer ist auch ein besonderer Dresscode vorgeschrieben. Man kleidet sich wie zur Kolonialzeit im Vereinigten Königreich England oder wie hierzulande zur Kaiserzeit: Die Herren tragen Schiebermütze, Knickerbocker, Kniestrümpfe im Rautenmuster und einen Flachmann in der Westentasche; die Damen tauchen mit langen Röcken und viktorianischen Hüten oder im Stile der Goldenen Zwanziger auf.

Stilecht: Die Burgenländer Hickorygolfer

Zweiter Schlag
„Ich kann diese Dosen-Driver einfach nicht leiden. Ich finde, dass das zeitgemäße Golfspiel durch das fehlerverzeihende Material zu simpel geworden ist“, sagt Giunto Schalkenberg. „Hickory Golf führt zu einer Art Entschleunigung, einer Reduktion auf das Wesentliche, auf den Ursprung des Spiels. Ich bin mit sieben Schlägern unterwegs, mehr braucht’s nicht.“ Fast logisch, dass es schwieriger ist, den Ball mit hundert Jahre altem Equipment kontrolliert zu transportieren. „Man muss langsamer schwingen, sonst hat man keine Chance“, sagt Giunto Schalkenberg, während er auf den dünneren Schaft und das kleinere Schlägerblatt deutet. „Hält sich der Spieler an diese Grundregel, wird er sich mit heute gängigem Material verbessern.“ Er selbst verfügt über ein „normales“ Zwölf-
Irgendwas-Handicap, wie er sagt, mit Hickory-
Schlägern liege er knapp darüber. „Weil es ein bisschen an Weite fehlt, ist der zweite Schlag der wichtigste. Und im kurzen Spiel kann man sowieso viel gutmachen. Aber unterm Strich ist das egal. Was wir tun, ist nicht tierisch ernst. Wichtiger ist der gesellschaftliche Moment, der da hineinspielt.“

Vierteljahrhundert
Seit etwa 25 Jahren ist Giunto Schalkenberg auf den Golfplätzen dieser Welt anzutreffen, beim Kaiser-Turnier in Ischl kam er auf den altehrwürdigen Geschmack. „Ich bin eingetaucht in das Golf einer längst vergangenen Zeit, der alten Zeit, und war gefangen. Es waren keine Damen und Herren unterwegs, sondern Ladies und Gentlemen.“ Freilich sind entsprechende Schläger, die in St. Andrews (Schottland), oder Louis-ville (Kentucky), per Hand hergestellt wurden, nicht leicht zu finden. Originalgetreue Reproduktionen von Guttys interessieren Schalkenberg nicht, die sind nämlich bei Turnieren in Europa nicht zugelassen. Beim Hickory-Experten Graham Griffith in Schottland stieß Giunto Schalkenberg schließlich auf jenen Satz, der ihn sprachlos machen sollte. „Schlägerkauf ist Vertrauenssache. Beim Hickory geht es ja nicht darum, den besten Schläger am Markt zu finden. Man stellt sich auf den Schläger ein, den man hat, und macht dann das Beste draus.“

Die Ausrüstung in der Detailaufnahme. Nur das Schuhwerk ist etwas moderner

Gern fotografiert
Dass die Burgenländer auf der Dienstag-Runde in Bad Tatzmannsdorf zur gern fotografierten Attraktion geworden sind, daran haben sich die Exoten längst gewöhnt. Wie einem Agatha-Christie-Film entsprungen, schlendert das Grüppchen über die Fairways, beobachtet von knallbunten Haudraufs, denen der Zauber der Vergangenheit ein Lächeln in die Gesichter malt. Sogar trainiert wird in historischer Kleidung, wobei das Outfit jedes Mal mit Bedacht zusammengestellt wird. Das Hemd vom Opa, die Tweedhose aus einem Second-Hand-Laden in England, dazu ein neuer Hut, von einer Modistin auf alt getrimmt. Hat das Ganze nicht auch ein bisschen was mit einem Kostümfest zu tun? „Keineswegs“, sagt Giunto Schalkenberg. „Vielmehr handelt es sich um einen spielerischen Nonkonformismus, mit dem Werte wie Eleganz und Tradition gepflegt werden. Hickory ist eine Art Nostalgiebewegung, eine Reise zurück zu den Wurzeln des Golfsports.“

Mit Leidenschaft
Freilich, einem Präsidenten, der Schirmherr über nur zwölf Mitglieder ist, sollte man die Frage nach dem Nachwuchs ersparen. Umso überraschender kommt die Antwort. „Man sieht in Deutschland 12-, 13-Jährige, die Hickory spielen und mit einer Leidenschaft bei der Sache sind, die außergewöhnlich ist. Sie schwingen so schön natürlich, haben nichts Falsches eingelernt und können deshalb unglaublich mit dem alten Material umgehen. Vielleicht gelingt es uns, das Feeling auf die Kinder bei uns zu übertragen.“ Ein Anfang ist getan, wenngleich der Bub schon etwas größer ist: Johannes Jandresits, einer der Teaching Pros im Reiter’s Golf & Country, hat sich bereits eingeschrieben. Ihn kann man auch fragen, wenn man eines der vier Leih-Sets ausborgen möchte, um in die modern gewordene Welt der Ewigvorgestrigen einzutauchen.

Gegen Bad Ischl
Um die Trainingsleistungen dementsprechend umzusetzen und Opas Hemd unter die Leut‘ zu bringen, beteiligt sich Hickory Golf Burgenland seit der Gründung vor zwei Jahren an internationalen Turnieren. Heuer ragt das Heimspiel als Highlight heraus: Von 14.07. bis 16.08.2018 matchen sich Giunto Schalkenberg & Co. in Bad Tatzmannsdorf im Rahmen der Austrian Championship nicht nur mit den Bad Ischlern, sondern auch mit „Ausländern“. Am dritten Tag steht ein Historical Tournament im Golf Club Semmering auf dem Programm. „Das ist der älteste Platz in Österreich und bietet einen würdigen Rahmen“, sagt Schalkenberg. Also: Hingehen, anschauen, staunen, womöglich selbst draufhauen dürfen. Vielleicht fährt ja auch Hercule Poirot vor. Im Fiaker.


Alle Fotos: ©Kärntner Regionalmedien